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Die Angst, die nicht meine war

Die Angst, die nicht meine war

Das kleine Mädchen, das ich einmal war, vor gefühlten Urzeiten, war eigentlich ein „ganz normales Kind“. Sogar meine Trotzphasen waren wohl völlig normal. Ich habe selbst keine Kinder, kann (und will) also keinerlei Meinungen über Erziehung etc. äußern. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Hiebe mit dem Stock auf meinen Hintern und auf die Rückseite meiner Oberschenkel nicht die beste Methode war. Sie machten mir nur Angst, schüchterten mich ein.

Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner frühen Kindheit. Ich weiß nicht mehr, warum ich so geweint habe. Ich weiß nur, dass meine Großmutter, Kriegerwitwe, Mutter meiner Mutter (Einzelkind), bei uns im Haus lebend, ihre Hand drohend Richtung Schrank ausstreckte. „Muss ich erst den Stock nehmen?“

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich fast blind vor Tränen in die Zimmerecke quetschte und sie anflehte, mich nicht zu schlagen. Vielleicht hat sie es trotzdem getan. Vielleicht auch nicht. Ich haben diesen Stock so oft zu spüren bekommen, dass ich es nicht mehr eindeutig zuordnen kann, wann er zum Einsatz kam und wann – gnädigerweise – nicht.

Burnout, Depression – und der Beginn des Verstehens

Als ich so ungefähr 45 Jahre alt war, bin ich zusammengeklappt. Diagnostiziert wurde zunächst ein heftiger Burnout, kurz darauf eine rezidivierende Depression. Ich war am Ende – in jeder Hinsicht.

Ich hatte das Gefühl, überall versagt zu haben. Egal, ob während der Selbstständigkeit oder in Angestelltenverhältnissen, ob es um den Haushalt oder meine Freundschaften ging. Mein Arzt sprach mit meinem Mann und mir und empfahl mir eine stationäre Behandlung. Ich willigte ein. Was hatte ich schon zu verlieren?

Ich war zunächst auf der geschützten Station, später auf der offenen. Insgesamt sechs Wochen lang lebte ich in einem Umfeld, das mich nachhaltig positiv geprägt hat. Sie hörten mir zu. Sie nahmen mich ernst. Sie stellten mir echte Fragen, und sie wollten meine Antworten wissen.

Mir wurde langsam klar: Mein Zuhause war in Wahrheit ein Minenfeld gewesen. Jede Bewegung, jedes Wort hatte ich genauestens kalkulieren müssen. Aber selbst das hatte mir nicht geholfen, Fehler habe ich trotzdem gemacht. Und manche wurden mir jahrelang immer wieder unter die Nase gerieben. Ich war falsch, wurde manchmal sogar als böse bezeichnet. Diese Menschen, die mich doch eigentlich bedingungslos hätten lieben müssen, mich beschützen, mir Geborgenheit hätten geben müssen, ließen mich ständig spüren: So, wie ich war, war ich nicht „richtig“.

Ein Zufall, der keiner war

Der eigentliche Durchbruch kam später. Nicht in der Klinik, nicht in einem dieser dramatischen Gespräche, die man vielleicht erwartet. Sondern ganz nebenbei. Vielleicht deshalb dieses Erdbeben in meinem Kopf. Es kündigte sich nichts an. Ich hatte nur etwas entdeckt.

Ich gehe immer zu Bücherregalen, egal, wo sie stehen. Und auch im Wartebereich meiner Psychotherapeutin zog es mich dorthin. Mein Blick wanderte über die Buchrücken, bis ein Wort mich plötzlich festhielt. ‚Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation‘. Irgendetwas daran löste sofort etwas in mir aus. Ich wusste nicht genau warum, aber ich griff nach dem Buch. Ich blätterte, las ein paar Zeilen. Und etwas daran blieb hängen. Es war kein dramatischer Moment, kein lauter Knall. Nur dieses stille, erschütternde Gefühl: Dieses Wort „Kriegsenkel“ hat mit mir zu tun. Dieses Buch erzählt auch meine Geschichte.

Als die Angst einen Namen erhielt

Meine Therapeutin gab ihre Bücher nicht heraus, auch nicht leihweise. Also kaufte ich es mir selbst. Und während ich es las, wurde mir immer mehr klar: Diese diffuse Angst vor so vielem – vor fremden Menschen, vor Fehlern, vor Konflikten, vor Ablehnung und sogar vor meinen eigenen Gefühlen –, diese Angst war nicht meine.

Plötzlich ergab vieles Sinn. Nicht alles, aber genug, um ein neues Bild von mir selbst zu sehen. Ich hatte nicht ‚einfach so‘ Angst. Ich war nicht ‚einfach so‘ unsicher. Diese Angst hatte eine Geschichte.

Kriegsenkel – das sind die Kinder der Kriegskinder. Menschen, die oft nicht direkt vom Krieg betroffen waren, aber dennoch seine Spuren in sich tragen. Ihre Eltern und vor allem ihre Großeltern lebten oder wuchsen in einer Zeit auf, die von Entbehrung, Verlust, Angst und Schweigen geprägt war. Überleben und Funktionieren waren die wichtigsten Ziele, Gefühle hatten wenig Platz. Emotionen wurden unterdrückt, Schwäche galt als gefährlich, und vieles blieb unausgesprochen.

Das Erbe der Angst verstehen

Dieses Schweigen, diese Ängste und Überlebensstrategien haben sich oft auf die nächste Generation übertragen – nicht immer durch Worte, sondern durch Gesten, durch Atmosphäre, durch unausgesprochene Erwartungen. So wurden Gefühle von Angst, Scham und Schuld weitergegeben, ohne dass jemand sie rational erklären konnte. Plötzlich war da diese Erkenntnis: Die Ängste, mit denen ich aufgewachsen war, stammten nicht von mir selbst. Sie waren älter. Viel älter.

Diese Erkenntnis hat nichts sofort verändert. Meine Ängste verschwanden nicht einfach. Aber ich wusste nun, dass sie nicht meine waren. Und das war immerhin ein Anfang.

Von dieser Zeit an betrachtete ich viele meiner Reaktionen mit anderen Augen. Ich fragte mich, ob es wirklich meine Gefühle sind – oder alte Prägungen, die ich übernommen hatte. Nicht immer fand ich eine Antwort. Aber ich verstand besser, warum manche Ängste so tief sitzen, ohne dass sie einen erklärbaren Grund zu haben scheinen.

Es ging mir auch nicht darum, Schuldige zu suchen. Es ging mir (noch) nicht einmal um Vergebung. Es ging darum, zu verstehen, warum mein Zuhause zwar funktioniert, sich aber nie warm und sicher angefühlt hatte.

Wenn Fragen leise nachwirken

Vielleicht hast du ähnliche Erfahrungen gemacht. Vielleicht kennst du diese leisen, kaum greifbaren Ängste, die sich wie ein Schatten durch dein Leben ziehen. Und vielleicht fragst du dich auch, wo sie ihren Ursprung haben – und wie du ihnen begegnen kannst.

Manchmal beginnt Veränderung genau damit: mit dem Verstehen. Mit dem Fragen. Und mit der Bereitschaft, den eigenen Weg Stück für Stück neu zu betrachten.

Wenn du das Gefühl hast, über deine Erfahrungen sprechen zu wollen – oder einfach jemandem suchst, der zuhört und versteht – dann melde dich gern bei mir. Ohne Druck, ohne Erwartungen. Manchmal hilft es, einen Gedanken auszusprechen, um den nächsten Schritt klarer zu sehen.